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02.02.2022: Bindung - Baustein unseres Lebens

 

 

 

02.02.2022

 

Bindung: Baustein unseres Lebens

Wie Bindung entsteht und warum eine verlässliche Bindungserfahrung in der Kindheit unser späteres Leben erleichtert.

 

Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Dieser Ausspruch stammt ursprünglich aus Schillers Gedicht „Das Lied von der Glocke“. Landläufig findet er Widerhall bei argwöhnischen Verwandten – wenn zwei Liebende sich trauen. Die Heirat ist nur eine der vielfältigen Bindungen, die der Mensch im Laufe seines Lebens eingehen kann. Sie setzt indes die Fähigkeit voraus, aus dem Vertrauen und Einklang mit sich selbst heraus, eine Beziehung mit einem anderen Menschen zu gestalten. Die Grundlagen des jeweiligen Bindungsverhaltens bilden sich in der Kindheit heraus. Hier geben wir unsere erste Bindung ein: Aus der Not heraus, denn wir kommen hilflos auf die Welt, gilt sie der Mutter und auch dem Vater. Unsere Eltern stellen den Hafen darf, in den wir uns zurückziehen können. Erleben wir diesen Hafen als verlässlich und sicher, können wir von dort aus die Welt erkunden. Die Wahrscheinlichkeit steigt, später selbst reifes Bindungsverhalten zu zeigen. Wird unser Urvertrauen in dieser frühen Phase des Lebens erschüttert, beispielsweise durch lang andauernden Stress in der Familie oder durch den Tod eines Elternteils, können wir uns zu unsicheren oder vermeidenden Bindungstypen entwickeln. Negative Erfahrungen in unserem Leben müssen unsere späteren Bindungen gleichwohl nicht auf ewig vorbestimmen und es gibt durchaus glückliche Fügungen, wie ein robustes, offenes Wesen oder zugewandte Außenstehende, die ungünstige Umstände am Beginn des Lebens etwas „wettmachen“ können. Die Resilienzforschung (vgl. S. 04, Ausgabe 2020) legt dies nahe. Und doch ist erlebte und erlernte Art der Bindung so tief in unserem Wesen verwurzelt, dass wir gar nicht anders können, als immer wieder Bezug auf sie zu nehmen. Warum ist das so?

 

Die Entstehung der Bindung

Früher ging man davon aus, dass die Synapsen (Nervenverbindungen) im Gehirn mit der Geburt unreif angelegt, aber im Grunde endgültig festgelegt sind. Heute weiß man; die Verbindung der Hirnneuronen ist plastisch und hängt von ihrer Nutzung ab. Während des ersten Lebensjahres „explodiert“ die Anzahl der Synapsen im Gehirn. In dieser Phase der Neugierde ist die hirnorganische Leistungs- und Lernbereitschaft am höchsten. Später nimmt die Zahl dieser Schaltstellen wieder ab. Das System verästelt sich und Netzwerke bilden sich aus. Deswegen kann ein Kind in diesem frühen Lebensalter auch leichter Sprachen lernen, wie ein Erwachsener. Vor der Geburt empfängt das kindliche Gehirn vor allem interne Signale (zum Beispiel die Einsatzbereitschaft des nun ausgewachsenen Armes). Nach der Geburt nehmen die externen Signale stark zu und das Gehirn strukturiert sich dementsprechend aus. Zu diesen externen Signalen gehört maßgeblich die Atmosphäre in der Familie. Mit der Zeit „lernt“ das Kind seine ersten Bindungen. Dieser Prozess beginnt indes bereits vorgeburtlich. Das Kind hört den Herzschlag der Mutter. Hört sie sprechen. Der Geruch der Mutter prägt sich bei allen Säugetieren ein. Das Kind lernt schlichtweg, dass noch jemand da ist. Dieser Bezugspunkt wandelt sich zum Bindungs- und auch zum Imitationsobjekt.

 

Infobox: Synapsen

Synapsen = Verbindungsspalt zwischen Nervenzellen; sie dient der Übertragung von Reizen.

 

Die Entdeckung einer wichtigen Grundlage für das menschliche Miteinander fiel in die 1990er Jahre: Spiegelneuronen sind spezielle Nervenzellen im Gehirn, die uns befähigen, sozial und mitfühlend zu reagieren. Bereits wenn wir eine Handlung nur beobachten senden diese Nervenzellen Signale aus und reagieren, wie wenn wir das Geschehene selber ausgeführt hätten.

Lernen am Vorbild

Was wir erleben, beeinflusst uns sowohl seelisch als auch körperlich – diese Resonanz hat psychologische und biologische Effekte. Bereits Säuglinge lernen durch Beobachtung und Nachahmung, sie gehen mit ihrem Gegenüber in Resonanz und „spiegeln“ sich in ihm. Deswegen können Kleinkinder nur durch Beobachtung und ohne Training Verhalten erlernen und Fähigkeiten ausbilden. Bereits sehr früh imitieren Babys die Mimik und Gestik ihrer Eltern. Im Alter von 3-4 Jahren sind die Spiegelneuronen voll entwickelt und ein Kind kann seine Mutter trösten, weil es nachempfinden kann, dass diese traurig ist und gesehen hat, welche Handlung in dieser Situation hilft.

 

Infobox: Spiegelneuronen

Spiegelneuronen = Nervenzellen, die im Gehirn beim „Betrachten“ einer Handlung, als auch beim Ausführen feuern, dh. Nervenimpulse zeigen. Sie sind wichtig für das Verstehen von Absichten, Sprache, Nachahmung, sowie für das Erkennen verschiedener Gefühle.

 

Hilfreich bei der Entwicklung von Spiegelneuronen ist das natürliche Bedürfnis des Kindes nach Koheränz. Mit Koheränz ist die Gleichheit mit einem Zielobjekt verbunden. In diesem Fall den Eltern. Dieses Gefühl hat evolutionäre Wurzeln. Es entspringt der körperlichen Einheit zwischen Mutter und Kind vor der Geburt. Wenn die Eltern laufen können, das Kind aber noch nicht, wird es versuchen Laufen zu lernen. Wenn das Kind ein bestimmtes Wort noch nicht sprechen kann, wird es umso genauer zuhören, im Versuch das Wort zu lernen. Und letztlich lernt das Kind anhand der Handlungen der Eltern, dass – und wie – Herausforderungen bewältigt werden können. Diese Sicherheit wird später dazu führen, dass das Kind selber Herausforderungen überwinden kann. Ein Gefühl von Selbstwirksamkeit entsteht. Und das Gefühl, sich auf andere Menschen verlassen zu können, wenn es alleine nicht mehr weitergeht. Letzten Endes entsteht eine innere Orientierung; dass schlussendlich alles gut gehen wird. Anfangs bestehen die neuronalen Netzwerke, welche diese Überzeugungen abspeichern noch nicht. Deswegen benötigt das Kind in dieser frühen Phase Sicherheit. Das Gefühl angenommen, gewertschätzt und geliebt zu sein und eine sichere Basis zu haben. Dafür ist das Kind sehr empfänglich. Die rechte Hirnhälfte (emotionales Erleben) ist bei der Geburt bereits mehr oder weniger ausgereift. Mit der linken Hirnhälfte (Logik), ist sie über den Balken verbunden, eine etwa 200 Millionen Fasern umfassende Struktur, welche Informationen austauscht und die Arbeit der Hirnhälften koordiniert. Dieser Balken ist sehr sensibel für Stress. Gerät er „außer Takt“ entsteht Unsicherheit. Nur mit dem sicheren Hafen einer Bindung, kann das Kind die Welt entdecken und ist nicht auf andere, evtl. schädliche Handlungen fokussiert, die ihm Sicherheit geben sollen.

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Dysfunktionale Sicherheitsstrategien – und ihre Lösung

Die Bereitschaft Sicherheit zu geben ist evolutionär bedingt in den Eltern angelegt. Die Bereitschaft Sicherheit zu suchen in den Kindern. Fehlen diese Rahmenbedingungen kann das Kind zu Notlösungen greifen und in die Selbstablehnung abgleiten, die aber nur kurzzeitige Erleichterung verschafft.

Die Art des Lernens und der Bindung ändert sich mit dem Lebensalter und dem Reifegrad des Gehirns. Spiegelneuronen unterstützen diese Prozesse auf verschiedenen Ebenen: Am leichtesten übers Zuschauen und Nachmachen als Kind. Sie wirken über lange Zeiträume, in dem unser Gehirn Umstände und Szenen quasi bereits „auf Vorrat“ abspeichert und wir das gespeicherte Wissen bei Bedarf abrufen können. Im ungünstigsten Fall bedeutet dies, dass Verknüpfungen und Denkmuster in der Kindheit „falsch“ angelegt werden (z.B. „nur wenn ich mich angepasst verhalte, bin ich liebenswert“, „wenn ich mich freue, passiert etwas Schreckliches“). Diese Reaktionen sind quasi „vorprogrammiert“ – deswegen gehen manche Menschen vermeintlichen Gefahren bereits im Vorfeld aus dem Weg, um nicht verletzt zu werden, oder das innere System befindet sich dauernd in latenter Alarmbereitschaft, was großen Stress erzeugt. Durch Training und das Erleben anderer, neuerer Erfahrungen können negative und Bindungserfahrungen und Verletzungen aufgearbeitet werden. Das erlernte Programm, die Art mit der Welt umzugehen und wie wir uns binden kann „umgeschrieben“ werden.

 

Bindungstypen

John Bowlby identifizierte in Experimenten mit Kindern und Eltern vier unterschiedliche Bindungstypen.

  1. Der unsicher-vermeidende Typ (10-20 %): Kinder, die in den ersten Lebensmonaten die Erfahrung gemacht haben, dass die Eltern nicht zuverlässig auf ihre Bedürfnisse eingingen. Daraufhin gewöhnten sie sich, ihre Gefühle nicht offen zu zeigen und entwickelten ein negatives Selbstbild. Durch die Unterdrückung ihres Bindungssystems konnten sie mit der Angst des „Verloren-seins“ als Kind umgehen, um den Preis als Erwachsener auch zu den Emotionen anderer Menschen keinen guten Bezug zu haben. Sie entfernten sich auch von ihren Eltern, die ihrem kindlichen Selbst nicht geholfen haben.

  2. Der sichere Typ (50-60 %): Kinder, die Verlässlichkeit durch ihre Eltern erlebt haben: Sie können sich gut an andere Menschen binden und haben Durchhaltevermögen bei der Bewältigung von Problemen. Für Störungen sind sie wenig anfällig.

  3. Der unsicher-ambivalente Typ (30-40 %): Kinder, die ein wechselhaftes Verhalten der Eltern erlebt haben. Sie reagieren auf Trennung ängstlich, passiv und verunsichert. Als Erwachsene nutzen diese Kinder ihr Beziehungsystem (zu) intensiv, um von ihrem Umfeld eine Reaktion zu erhalten; die ständige selbst-Vergewisserung lässt sich hier beobachten.

  4. Der unsicher-desorganisierte Typ (seltener): Kinder, deren Bindungsverhalten keinen klaren Regeln folgt. Sie reagieren konfus auf ihre Eltern. Sie laufen beispielsweise auf sie zu. Bleiben stehen. Und laufen wieder zurück. Mutmaßlich traumatisierte Kinder reagierten im Experiment häufig auf diese Art.

 

Kein Bindungstyp ist generell negativ zu bewerten, da jeder Bindungstyp eine Überlebensstrategie des Menschen ist.

 

Was bedeutet das nun? Können Erziehende überhaupt „immer“ alles „richtig“ machen? Ein „ausreichend“ wird oftmals bereits genügen. Damit ist die ausreichende Antwort der Bezugsperson auf die Bedürfnisse des Kindes gemeint. Der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott hat dafür den Begriff der „hinreichend guten Mutter“ geprägt. Da Fehler zu Mensch sein dazu gehören, darf auch die Mutter in der Beziehung zum Kind Fehler machen, ohne sich dafür selbst bestrafen zu müssen. Weil die Beziehung zwischen Menschen immer Ambivalenzen ausgesetzt ist, gilt das sowohl für die Eltern, als auch die Kinder.

 

Störungen der Bindung

Wenn Eltern „Fehler“ machen, oder die Umstände, die man sich nicht aussuchen kann es erzeugen; kann eine Bindungsstörung entstehen. Dazu gibt es umfangreiche Forschungen und darauf basierend vermutete Zusammenhänge. Die amerikanische Psychotherapeutin, Virgina Satir, die auch die Mutter der Familientherapie genannt wurde erkannte, dass Klienten auch in therapeutischen Settings oft nicht in der Lage sind, ihr Verhalten, über das sie Einsicht gewannen zu ändern. Tief verwurzelte Probleme in der Familienstruktur waren die Ursache, die erst durch die Erkenntnis des eigenen Verhaltens mit allen Sinnen und im Zusammenspiel mit den Familienangehörigen verstanden werden konnten.

Das Alter des Kindes beim Eintritt einer Beeinträchtigung wird nach der österreichischen Psychoanalytikerin Jutta Menschik-Bendele als bedeutender Faktor für die Entstehung einer bestimmten Form der Störung vermutet. Dem zu Grunde liegt das wachsende Selbstbewusstsein und die nachlassende Angst des älter werdenden Kindes, welches direkt nach der Geburt quasi hilflos ist. Eine frühe Störung zwischen der Geburt und den Wochen sechs bis acht erzeugt eine existenzielle Panik im Kind, das sich mit der Mutter als Einheit wähnt. Wenn das Bild der Mutter im Kind stirbt, empfindet das Kind die Panik seiner eigenen Vernichtung. Später wird es häufig dazu neigen, Emotionen in seinem Denken nicht zuzulassen. Stattdessen wird es Logik und Intellektualität überbetonen. Zwischen den Wochen acht bis zum 14. Monat, wünscht sich das Kind vor allem versorgt zu sein. Eine Beeinträchtigung in dieser Zeit erzeugt später vor allem Verlustängste. Ab dem 14. Monat und bis zum dritten Lebensjahr erlernt das Kind zunehmend unabhängig zu sein. Eine unzureichende Versorgung in diesem Alter äußert sich später häufig durch Angst vor Liebesentzug, Beschämung und Bestrafung. Zwischen dem dritten Lebensjahr und dem sechsten Lebensjahr entwickelt sich im Kind die Geschlechtsidentität. Eine Störung der Bindung in diesem Alter äußert sich häufig durch Versagensängste, Gewissensängste, durch Wut und Verwirrtheit.

Ziel einer systemischen Intervention, welche die Familienstruktur mit einbezieht, ist laut Satir das Bekräftigen der Klient*In, Autonomie nach zu entwickeln, negative Beziehungsmuster zu erkennen und zu durchtrennen und die Konfliktbearbeitung unter Einbezug aller Betroffenen.

 

Wie kann Erziehung gelingen?

Diese Gretchenfrage stellen sich Forscher, Philosophen und nicht zuletzt Pädagogen aus gutem Grund. Was ist nun für eine gute Entwicklung von Kindern wichtig?

Erziehung ist meistens von bestimmten Vorstellungen darüber geleitet, wie Kinder sein sollten. Diese Vorstellung wandelten sich im Laufe der Zeit. Sie waren zu einem von gesellschaftlichen Normvorstellungen bestimmt. So wich beispielsweise das Erziehungsideal des Nationalsozialismus gravierend von dem der 60er Jahre ab. Zum anderen ist Erziehung stets auch von den individuellen Vorstellungen geprägt, die jemand in eine Erziehung mit einbringt, nicht selten von subjektiven Erfahrungen geprägt (zum Beispiel mit der, der eigenen Eltern) und ohne ausreichende Berücksichtigung der Perspektive des Kindes. Gelingende Erziehung sollte auf Augenhöhe passieren. Sie sollte Grenzen setzen, aber dabei die Perspektive des Kindes nicht aus den Augen verlieren. Eine ausschließlich „leitende“ Erziehung kann dem Kind beispielsweise die Lust am Lernen verleiden und damit auch die Zuversicht, dass es Probleme selbstständig lösen kann.

Die meisten Eltern machen unabhängig von den Kontextbedingungen ihre Aufgabe „automatisch“ richtig, weil sie wissen, dass ihr Baby das Gefühl braucht, nicht völlig verlassen zu sein. Und dass eine gute Versorgung die emotionalen, sozialen und sogar die kognitiven Kompetenzen ihres Kindes positiv beeinflussen wird. Wenn aber beispielsweise auf das Weinen des Kindes nicht reagiert wird, überfluten Stresshormone das junge Gehirn und es gerät, wie erwähnt, außer Takt. Im Laufe der Entwicklung des Kindes ändert sich das Bindungs- und Erziehungsverhalten der Eltern in der Regel automatisch mit dem Alter des Kindes. Wichtig ist, dass die Signale des Kindes richtig wahrgenommen und interpretiert werden – und dass darauf angemessen reagiert wird.

Kinder, die so aufwachsen wiesen – das stellten Studien fest – auch noch 10-15 Jahre später eine bessere Balance zwischen Autonomie und Verbundenheit auf. Eine wichtige Voraussetzung für die spätere Ablösung von den Eltern.

Der Religionsphilosoph Martin Buber sprach vom „Du zum Ich“. Der Mensch bildet seine Identität aus den sozialen Erfahrungen mit seiner Umgebung heraus. Wenn er seiner Umgebung in einer lebendigen Beziehung begegnen kann, bildet er sein „Ich“ in Abgrenzung zu einem „Du“. Für diese lebendige Beziehung ist das Sicherheitsgefühl Voraussetzung, dass der Mensch in einer hinreichend gut verlaufenden Kindheit erworben hat.

Und was ist, wenn er das nicht konnte und sein „Ich“, um mit Buber zu sprechen in Abgrenzung zu einem „Es“ konstruiert hat?

 

Hilfe bei Bindungsproblemen

Die gute Nachricht: Das interne Arbeitsmodell, das unser Bindungsverhalten steuert und dass sich

  1. aus unseren Handlungen als Kind,

  2. den Konsequenzen dieser Handlung und

  3. der Interaktion mit unseren Eltern speist

 

ist plastisch, also veränderbar. In der systemischen Therapie können Bindungsprobleme aufgearbeitet werden. Zwar sind Bindungstypen umso hartnäckiger, je länger sie bestehen, doch kann z.B. in der Familientherapie in einem drittel der Fälle von einer Besserung und neuem Bindungsverhalten ausgegangen werden. Auch zeigten sich bei Eltern signifikant weniger destruktive Erziehungsverhaltensweisen als vor der Therapie.

Hindernisse hat der Bindungsaufbau häufig, wenn ein Elternteil, oder das Kind selbst krank ist. Wenn z.B. die Mutter, die an der Borderline-Störung erkrankt ist, auf einen Ausnahmezustand des Kindes mit einem eigenen Ausnahmezustand reagiert, kann das Kind sich nicht abreagieren und benutzt zur somatischen Beruhigung seinen eigenen Körper. Die Antwort der Mutter auf das Hilfesuchen wird aufgenommen, aber nicht als hilfreiche Komponente in das eigene Selbst integriert, sondern in ein fremdes Selbst. Aus diesem Zwiespalt, der traumatische Qualität haben kann, kann sich später eine psychische Störung speisen. Wenn die Belastung der Eltern hoch ist, können sie das Kind schlicht weniger wahrnehmen und auf dessen jeweilige Bedürfnisse angemessen reagieren. Ungünstig wirken sich Beziehungsabbrüche, das nicht-wahren von Grenzen und ein ungünstiger Umgang mit Stress aus. Dabei spielt die Art der Erkrankung weniger eine Rolle als der Zeitpunkt ihres Auftretens (siehe Kapitel Bindungsstörungen). Generell wird angenommen, dass ein der Resilienz förderliches Umfeld in der Familie Bindungsstörungen eindämmen kann. Damit sind emotional sichere und stabile Bindungen – auch zu anderen Personen als den Eltern gemeint, als auch ein positives und zugleich Grenzen setzenden Erziehungsklima, eine harmonische Beziehung zwischen den Eltern, emotionale Verbundenheit, Zusammenhalt, eine offene Kommunikation in der auch Gefühle ihren Ausdruck finden, die Einbindung der Familie in ein soziales Netzwerk, in Gruppen, Vereine etc. gemeint. Im Kind selbst wirken sich eine effektive Emotionsregulation, Selbstvertrauen, Problemlösungskompetenzen sowie eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung und eine generell gut ausgeprägte, innere Resilienz positiv aus.

Bei erwachsenen Menschen wird der Therapeut mit dem Umfeld und den Beziehungsschematas des Patienten arbeiten. Bei einer gefestigten Patienten-Therapeuten-Beziehung kann der Therapeut den Patienten auf seine/ihre Beziehungsmuster aufmerksam machen und bei der Neubildung von Beziehungsschematas unterstützen.

 

Zusammenfassung

Wir sind alle beziehungsorientierte Wesen und auf andere Menschen angewiesen. In Beziehungslosigkeit und Einsamkeit verkümmern wird. Wir brauchen andere, um uns als Mensch zu spüren und unser Verständnis davon, was uns ausmacht und was uns definiert im Austausch mit anderen zu entwickeln. Psychisch erkrankten Menschen fehlt dies besonders häufig. Eine Meta-Analyse von Juffer & van Linzendoorn (2005) mit 40.000 Kindern aus 100 Ländern weist einen mittel-hochgradigen Effekt frühklindlicher sozialer Deprivation auf die spätere in Anspruchnahme von psychosozialer Versorgung auf. 

 

(Rudolf Bede, erschienen ua. im Mitgliedermagazin von Viadukt - Hilfen für psychisch Kranke e.V. 2023)

 

Quellen:

https://bit.ly/3FcA4c5 (Seitenaufruf 02.01.2021)

https://bit.ly/3IU1o17 (Seitenaufruf 30.01.2021)

Kontext: Zeitschrift für Systemische Perspektiven, Band 52, Ausgabe 3, September 07/2021

Prof. Dr. Hüther, Gerald, Vorlesung

Menschick, Jutta, Kleinwächter, Reimar: Konfliktanalyse und Konfliktlösung. Kurt-Schuhmacher-Akademie, Willy-Brandt-Str. 19, 53902 Bad Münstereifel.

Bilder: Pixabay, gemeinfrei